Luxus wohnen 05-06/2015

Architektur als Massanzug - haus boscha im Magazin Luxus wohnen 05-06/2015

Bei diesem Wohnhaus in Leipzig gehen Architektur und Interior‑Design Hand in Hand. Das Ergebnis: Ein spielerischer Umgang mit unzähligen liebevollen Details, die das Bauwerk veredeln.

„Der Hintergrund ist, dass wir jedes Haus wie ein Maßanzug für einen Kunden zuschneiden. Da kann man nicht damit aufhören, dass man ihm das Objekt übergibt und sagt: so jetzt ziehst du ein und bringst mit, was du hast oder gehst nochmal ins Möbelhaus und kaufst dir was hinzu.“, sagt Architekt Holger Seidel und beschreibt damit gleichzeitig einen der Grundsätze von „die kollegen“, dem Architekturbüro, das er gemeinsam mit Mario Hein führt.

Zu sehen ist diese Philosophie bei diesem Projekt, das in Zusammenarbeit mit dem Leipziger Architekten Martin Kilpper entstand. Das ist skulpturale Architektur, aus der Rücksprünge grosszügig herausgeschält werden und lange fensterstreifen den Körper durchschneiden. Es ist schlichte Architektur, der statischen und konstruktiven Notwendigkeit folgend. Zugleich ist es aber auch spielerischer Umgang mit unzähligen liebevollen Details, welche das Bauwerk veredeln. Das grosszügige Wohnhaus in Leipzigs grünem Zentrum, unweit vom Park, bietet zwei Familien auf 450 m2 und 550 m2 jede Menge Platz zum entfalten, genießen, entspannen, saunieren und sonnen.

Man fährt direkt mit dem Auto in das Erdgeschoß hinein und gelangt von hier in die Lobby des Hauses. Hier lässt man sich auf der eigens entworfenen Betonsitzbank mit Gräserstruktur in Blattgold nieder und geht dann über die gefaltete Treppenkonstruktion hinauf in die privaten Wohngemächer. Große, helle Räume, lange Schlossdielen oder auch puristische Estrichfußböden laden zum wohlverdienten Entspannen und Relaxen ein. Ob mit dem Rotwein vor der schwebenden Kaminplatte aus Beton oder einem Buch auf dem Balkon, der Terrasse oder im Garten: hier füllt man sich wohl.

Der Baukörper bildet den Eckstein in einer aufgefädelten Reihe von neu gebauten Wohnhäusern in einem Gründerzeitviertel. Durch diese exponierte Lage hat der weißverputzte Baukörper zwei Fassaden zur Straße und zwei zum Innenhof der Blockrandbebauung, die so die beiden Häuserhälften von einander trennen. Das mit Naturstein verkleidete Erdgeschoß springt von der sonst glatten Fassade zurück, die Eingangsbereiche liegen so geschützt unter einem Vorsprung und ein Sockel entsteht, der die weiße Skulptur oberhalb scheinbar schweben lässt. Der Innenausbau wurde von den beiden Architekten bis ins Kleinste und mit großer Detailliebe selbst geplant, detailiert, gestaltet und entworfen.

Der gesamte Innenausbau, Möbeleinbauten, selbst lose Möbel, Skulpturen, Malerei bis hin zu den Lampen aus feinster indischer Seide, wie das Modell „Chilli“ im Treppenbereich, werden von „die kollegen“ mitgestaltet und aufeinander abgestimmt. Auch hier ist es das Spiel mit reduziert puristischen Formen und Materialien gegenüber den üppig, floralen Barockelementen, welches den Stil der Architekten beschreibt. Es ist eine persönliche Handschrift von Mario Hein und Holger Seidel, die in verschieden Projekten immer wieder erkennbar wird, doch Individualität erfährt jedes Projekt von „die kollegen“.

Am Anfang steht denn auch eine saubere Analyse der Architekten zum Projekt, zum Grundstück und zu den Wünschen des Kunden, um ein solches Projekt kreieren zu können. Mario Hein beschreibt diese Phase in der Planung mit einem leeren Blatt Papier: „Man muss die richtigen Fragen stellen, nicht einfach nur einkaufen. Bevor ich anfange zu bauen, weiß ich, ich hab alle Chance der Welt, das Papier noch mal umzudrehen und den Entwurf nochmal zu gestalten. Das Papier ist total geduldig an der Stelle, ich kann es einfach immer wieder überarbeiten. Erst wenn der Bauherr und wir in Einklang sind, dann fangen wir an und stellen das tatsächlich auf die Beine.“

(text: Luxus wohnen 05-06/2015)