lebendiges land 1.2010

Lebendiges Land 1/2010 - Bauen & Modernisieren

Mitten im Auenwald

Ein Objekt, das inmitten der Stadt und dennoch ländlich gelegen ist, ist nur sehr schwer zu finden. Der Kauf der 150 Jahre alten Gewürzmühle war daher ein Glücksgriff, auch wenn das Gebäude einer Ruine glich.

"Jetzt haben auch Sie mal Glück!“ lautete der viel versprechende Titel der Immobilienanzeige, in der die alte Gewürzmühle zum Kauf angeboten wurde. Die Lage? Perfekt: im Zentrum Leipzigs und doch in ländlichem Umfeld inmitten des Auenwalds, der sich wie ein grünes Band durch die Stadt zieht. Ein wenig Vorstellungskraft bedurfte es allerdings, denn als Martin und Simone Siegwald* die 1846 erbaute Anlage besichtigten, glich sie einer Ruine. Zerbrochene Fenster und verwitterte, eingewachsene Mauern schufen ein gespenstisches Bild. Doch das Ehepaar erkannte, welch schmuckes Kleinod sich hinter dem haushoch rankenden Efeu verbarg und nur darauf wartete, aus seinem Dornröschenschlaf geweckt zu werden. 

Kreativer Einsatz 

Den richtigen Partner für das Projekt Gewürzmühle fanden sie im Architekturbüro „diekollegen“. Man verstand sich auf Anhieb. Die frisch gebackenen Mühlenbesitzer waren bereit, Neues auszuprobieren und kamen damit dem Architekten Mario Hein entgegen, der gemeinsam mit „den Kollegen“ kreativ tätig ist und neben Innenarchitektur- und Einrichtungskonzepten auch Möbel und Leuchten entwickelt. Nicht umsonst führt das Team im Firmennamen den Zusatz „Konstrukteure, Ingenieure, Kreateure“. Als solche konnten sie sich bei der Sanierung und Neugestaltung der Gewürzmühle ausleben. „Wir hatten freie Hand“, erzählt Mario Hein begeistert von der vertrauensvollen Zusammenarbeit mit Martin und Simone Siegwald. „Beide haben sich in der Art, wie ich die Dinge anpacke, wiedergefunden. Martin hat sogar einmal zu mir gesagt: ‚Das ist dein Haus, Mario, ich wohne nur darin‘.“ Und tatsächlich fühlt sich der Architekt heute in der Gewürzmühle in jeder Ecke wohl – wie die Bewohner auch. (* Namen von der Redaktion geändert)

Sogar spontane Ideen, die Mario Hein auf dem Bauplatz hatte, konnten ohne Rücksprache umgesetzt werden. „Ich wurde praktisch ‚gezwungen‘, auf der Baustelle zu sein, um meine Kreativität auszuleben,“ schmunzelt der Architekt. „Das war ein Risiko für beide Seiten. Doch wir wussten, wir haben einen ähnlichen Geschmack.“ So schickte der einfallsreiche Architekt seine Kollegin Katja Czogalla spontan in das Betonwerk, damit sie Laub in die Schalung für das Sichtbetonelement legt, an dem der Kamin befestigt werden sollte. Die zurückbleibenden Abdrücke veredeln nun die Wand und verleihen ihr eine verspielte Optik. Und auch das Comic an der Wohnzimmerwand hat eine eigene „Entstehungsgeschichte“: Das Richtfest war im vollen Gange als Martin Siegwald aufgeregt auf die Terrasse lief und rief: „Mario, die malen meine Wand an!“ Die beiden Künstler Matthias Seifert und Daniel Windisch hatten in Absprache mit dem Architekten, ohne Wissen der künftigen Bewohner, angefangen eine humorvolle Bildergeschichte zu zeichnen. „Wenn es dir nicht gefällt, streichen wir drüber“, beruhigte Mario Hein die Gemüter. Die Bildergeschichte erfreut jedoch heute noch jeden Besucher aufs Neue.

Schmucke Festung

Kein Wunder, dass Mario Hein die Arbeiten an dem Objekt viel Spaß gemacht haben. Dennoch war es auch eine anstrengende Zeit. Es verging praktisch kein Tag, an dem er nicht auf der Baustelle nach dem Rechten sehen musste. Schuld daran waren die vielen liebevoll erdachten Details wie der beleuchtete Handlauf oder die rote Schattenfuge zwischen Wohnzimmerwand und -boden, die schwierig umzusetzen waren. „Damit alle Einzelheiten klar sind, habe ich sie für die Handwerker an Wänden und Böden skizziert,“ beschreibt der Architekt die bewegte Bauphase.

Doch die Mühe hat sich gelohnt: Entstanden ist ein Unikat, dass modernes Wohnen und historische Mauern in Einklang bringt. Mit seinen massiven Wänden und der zinnenbewehrten Balustrade vermittelt die Gewürzmühle einen burgartigen Charakter, der durch die bodentiefen, filigranen Sprossenfenster und das warme Farbenspiel der Klinker aufgelockert wird. Um mehr Wohnfläche zu gewinnen, wurde auf das Gebäude ein schlichter Baukörper aus Cortenstahl gepflanzt, der an der Oberfläche stark oxidiert und so eine schützende Patina aus Rost bildet, die sehr widerstandsfähig gegen Witterungseinflüsse ist. Die rostrot changierenden Oberfläche des modernen Baukörpers gleicht in ihrer Lebendigkeit der Ziegelfassade und bildet so eine harmonische Einheit mit den historischen Mauern.

„Schlichte Fichte“

Im Innern heißt das Gebäude mit einer offenen, hellen Atmosphäre willkommen. Funktions- und Wohnräume wurden im Erdgeschoss klar getrennt: U-förmig umschließen Entrée, Gästetoilette und Hauswirtschaftsraum die zentrale Treppe. Zu beiden Seiten des Treppenhauses gelangt man über ein paar Stufen in den Koch-, Ess- und Wohnbereich. Bei der Gestaltung der Innenräume legte Mario Hein viel Wert auf Klarheit. „Oft überladen die Leute einen Raum. Doch in einem schlichten Umfeld kommen Einrichtungsgegenstände viel besser zur Geltung“, weiß der Architekt aus Erfahrung. Auch hierin waren sich alle Beteiligten einig. Mario Hein erzählt: : „‚Schlichte Fichte‘ war das Motto von Martin, wenn es um die Gestaltung des Hauses ging.“ So bildet der Betonboden im Eingangsbereich einen herrlichen Kontrast zu den Makassarmöbeln. Und auch die Einrichtungsobjekte im Wohnbereich werden vor dem schmucklosen Hintergrund zu kleinen Stars. Das Highlight im Erdgeschoss ist jedoch die grifflose Nussbaumküche der Tischlerei Geilert & Kurth mit der in einem Guss angefertigten schwarzen Sichtbetonarbeitsplatte. Letztere wurde gewachst, um sie widerstandsfähiger gegen Schmutz zu machen und ihr eine samtene Haptik zu verleihen. Der Clou: Hinter der Küchenfront – für den Betrachter unsichtbar – verbirgt sich der Zugang zum kleinen Weinkeller. Man muss die Rückwand in der Mitte nur aufschieben, um hinunter zu gelangen.

Kinderparadies

Die Ruheräume der Familie befinden sich im Dachgeschoss. Für die Kinder hat sich Mario Hein etwas ganz Besonderes ausgedacht: Ihre Zimmer liegen sich direkt, nur durch das Treppenhaus getrennt, gegenüber. Über das „Treppenauge“ an den Wänden im Treppenaufgang

können sie sich jedoch jederzeit sehen. Beleuchtet werden die Räume von einem etwa 6,5 m langen Fensterband, das auf Augenhöhe der Kinder, in einer Höhe von 60 cm eingebaut wurde.

Vor den Zimmern befindet sich jeweils eine kleine Ankleide. „Unsere Idee war es, dass die Kinder, wenn sie nach Hause kommen, Ranzen und Kleidung in ihrer Ankleide ablegen und sich dann gleich mit ihren Freunden ins Vergnügen stürzen können“, erklärt derArchitekt das ungewöhnliche Konzept.

In das Reich der Eltern gelangt man über ein paar Stufen. Lässt man die beiden Ankleiden rechts und links liegen, wird man vom luxuriösen Familienbad mit frei stehender Wanne empfangen, das nur optisch durch Mauervorsprünge vom Schlafzimmer getrennt ist. Hier können es sich die Eltern richtig gut gehen lassen. Für orientalischen Flair sorgt der luftige, weiße Baldachin, der das Bett umgibt. Bodentiefe Faltschiebetüren öffnen den Raum zur Terrasse. Von hier hat man einen herrlichen Ausblick auf den Garten, den angrenzenden Auenwald und die „Wächter“ der Holzbildhauerinnen Anna Schimkat und Katrin Weber, die im Garten ein wachsames Auge auf die Umgebung haben. Gemeinsam verleihen der „Bionadevogel“, „der Dicke“ und „die Tanzende“ dem ganzen Ensemble Lebendigkeit.

(Text: Angelika Ströhlein)