häuser 6.2009

HÄUSER 6/09 Titelthema

Mario Hein und Christoph Spielvogel erkannten die Qualitäten des maroden Klinkerbaus. Die Architekten sanierten die Fassade, zogen die seitlichen Fenster auf Bodenniveau herab und öffneten das Haus an der Stirnseite zur großen Terrasse.

Fabrikschloss im Villenglanz

Ruinenromantik bot sich den Bauherren bei der Erstbesichtigung einer Leipziger Gewürzmühle aus dem 19. Jahrhundert. Dann aber verwandelte die junge Architektengruppe Die Kollegen das idyllisch gelegene Industrie-Ensemble in komfortablen und luftig-leichten Lebensraum hinter historischen Klinkerwänden.

Haushohes Raumgefühl: Den Mühlenraum erhielten die Architekten in seiner Weite und beachtlichen Höhe von über vier Metern. Das ehemals düstere Gewerbegelass profi tiert stark von den neuen, sehr großzügig geschnittenen Fenstern. Hier im Wohnbereich spielen Estrichboden und Betondecke auf die industrielle Vergangenheit an.

Kräftige Materialkontraste: Die Nussbaumfronten der Küche griffen die Architekten in den Fensterlaibungen auf. Der Beton der Arbeitsplatte kontrastiert mit Edelholz, und die Möblierung unterstreicht den ruppigen Charme des Baus. Küche und Wohn raum gehen ineinander über, der Eingangsbereich ist klar abgetrennt.

Das Haus stammt aus der Zeit, als Fabriken wie Schlösser aussehen sollten. Und heute, nach seiner Wiederherstellung, wirkt es tatsächlich wie ein kleines Palais. Hinter dieser schmucken, mit Lisenen, Gesimsen und Rundbögen reliefierten, von einer Balustrade gekrönten Backsteinfassade soll einmal schwer geschuftet worden sein? Kaum glaublich, aber wahr. 1864 als Gewürzmühle errichtet, wurde hier noch bis in die 1980er Jahre hinein Pfeffer geschrotet und Muskat pulverisiert. Danach verfiel der Palast der Arbeit rapide. Als die jetzigen Besitzer das von einem Bauträger zum Verkauf ausgeschriebene Objekt Anfang 2006 erstmals besichtigten, erblickten sie eine von Efeu überwucherte Ruine. Das Dach eingefallen. Die Innenräume zugemüllt. Die Wände feucht und beschmiert. Es war damals eher die Örtlichkeit, die sie begeisterte, als das Haus, dessen Potenziale kaum zu erahnen waren. „Wir fanden es hier ungeheuer romantisch“, sagt die Bauherrin. Kein Wunder: Das idyllisch am Ufer eines kleinen Sees gelegene Grundstück im Westen von Leipzig grenzt auf zwei Seiten an einen Auenwald, während eine lange, von Bäumen gesäumte Zufahrt es von der Straße trennt. Den Ausschlag für den Kauf gab indes ein anderer, eher prosaischer Vorzug: „Von hier bis in die Stadt“, so die Bauherrin, „brauche ich höchstens zehn Minuten mit dem Fahrrad.“ Nicht glücklich waren die neuen Eigentümer mit den architektonischen Plänen des Bauträgers. Mini-Fenster zum Wald hin, großzügige Verglasung auf der Hofseite: Dieses Konzept erschien dem Bauherren-Paar ebenso verquer wie die Kleinteiligkeit des vorgesehenen Grundrisses. Erst mit Mario Hein (38) vom aufstrebenden Leipziger Büro Die Kollegen fanden die beiden den Planer, der ihre vagen Wünsche in konkrete Gestaltungsideen

übersetzte. Hein schlug vor, die ehemals kleinen Fabrikfenster zu beiden Längsseiten des Gebäudes auf Bodenniveau zu verlängern, die seeseitige Stirnseite des Hauses durch große, in die Rundbogenprofi le eingepasste Glastüren zu öffnen, den einstigen Mühlenraum nicht zu zergliedern, sondern als viereinhalb Meter hohe, offene Wohnhalle zu nutzen. Alle diese Ideen wurden umgesetzt. 

Anklang fand der Architekt auch mit seinem Vorschlag zur inneren Erschließung des Gebäudes, das aus zwei Teilen besteht. An die ehemalige Werkshalle im Westen schließt sich ein zweigeschossiger Baukörper an, der ursprünglich als Kontor und Lager diente. Hier findet sich heute das Treppenhaus – flankiert vom Eingangsbereich mit Garderobe auf der Hofseite und einem Gäste-WC nebst Hauswirtschaftsraum auf der Rückseite. „Durch die Platzierung der einläufi gen Treppe im Gebäudekern entsteht im Erdgeschoss ein U-förmiger Verkehrsweg mit Nischen, in die man sich auch mal zum Lesen oder Relaxen zurückziehen kann“, sagt Hein.

Die Treppe ins Obergeschoss führt zunächst auf ein Podest, von dem rechts und links je ein Kinderzimmer abgeht. Mit den schmalen Fensterbändern in diesen Räumen hat der Architekt einen modernen Akzent gesetzt, der gleichwohl perfekt zur historischen Formensprache passt, weil die Bänder das Kranzgesims der Werkshalle aufgreifen und fortführen. Harmonisch fügt sich auch der mit Cortenstahl verkleidete Aufbau über der Werkshalle in das Gesamtbild. Dieses Geschoss, das ein paar Stufen oberhalb des erwähnten Podestes liegt, birgt Schlafzimmer, Dusch- und Wannenbad sowie Ankleide der Eltern in einem einzigen, nur durch Trennwände unterteilten Raum. Der Ausblick von der Dachterrasse vor dem Schlafzimmer ist traumhaft. Wald, Wasser, Himmel: Man fühlt sich hier wie im Garten Eden.

Sichtbeton prägt das Ambiente in den neu geschaffenen Räumen, während in der Wohnhalle anthrazitfarben gestrichene Kalksandsteinwände und ein simpler Estrichboden dominieren. Wie intensiv sich die Architekten in die Gestaltungsaufgabe hineingekniet haben, zeigen zahllose Ausstattungsdetails. Hein selbst schuf den rustikalen Kiefern-Esstisch in der Wohnhalle sowie die Hängeleuchten darüber. Leipziger Künstlerfreunde steuerten Gartenskulpturen und Gemälde bei. Sämtliche Einbauten – von der Garderobe mit Schuhschrank und Schlüsselablage über die Nussbaumfronten in der Küche bis hin zu den mit Pflanzenabdrücken versehenen Betonplatten hinter dem Kamin und im Schlafzimmer – entstanden nach Entwürfen der Architekten. Die Bauherren, die den Planern freien Lauf ließen, freuen sich jeden Tag über ihr Palais – das innen ganz und gar nicht wie ein Schloss aussieht.

Finessen unter rauer Schale: Das Obergeschoss mit den Schlafräumen bauten die Planer auf dem Flachdach des Altbaus neu auf. Hier liegen das Kinderzimmer mit senkrechtem und waagerechtem Fensterschlitz, der Elternschlafraum, der sich luftig auf die Dachterrasse öffnet, und die Bäder mit transluzenten Trennwänden.

(Text: Klaus Meyer)